Eine Pfarrerin mit Leib und Seele, die ihre Schäfchen auch mal daheim besucht

Veröffentlicht am 04.03.2006
in Redaktioneller Eintrag

Veröffentlicht am 04.03.2006

Eine Pfarrerin mit Leib und Seele, die ihre Schäfchen auch mal daheim besucht


Für Gunhild Mayer aus Grünbühl ist die Kirche überall -
Taufgespräch beim Mittagessen im Vereinsheim - Auch Musik ist eine Brücke




Gunhild Mayer wartet nicht, bis die Grünbühler zu ihr kommen, sie geht zu ihnen - auch in die eigenen vier Wände.

Bild: Alfred Drossel



Kirche kann für Gunhild Mayer überall sein, auch in der Kneipe. Cityarbeit nennt die evangelische Pfarrerin der Grünbühler Martinskirche ihr Konzept diakonischer Seelsorge. In Grünbühl, wo viele Menschen das spontane Gespräch auf der Straße dem Kirchgang vorziehen, scheint dieses Konzept auf fruchtbaren Boden zu fallen.
Ab und an nimmt Gunhild Mayer ihr Essen im TSV-Vereinsheim ein. Es ist fast der einzige öffentliche Ort im Stadtteil, wo die Einwohner abends zusammensitzen können. Da ist es ihr schon passiert, dass sie von einem Gast in eine Diskussion über Gott verwickelt wurde, weil dieser gerade das Bedürfnis hatte, über die grundlegenden Dinge seines Lebens zu reden. Es kommt auch vor, dass einer dort die Taufe seines Kindes anmeldet. Und als einmal nach einem Freizeitkick einer der Spieler im Vereinsheim verstarb, erwies es sich durchaus als Segen, dass die Pfarrerin gerade da war. Die Vorstellung, dass Kirche nicht im Elfenbeinturm neben, sondern direkt in der Welt stattfinden, dass sich im wahren Leben das Christsein beweisen müsse, hat Gunhild Mayer beherrscht, seit sie sich mit 17 Jahren für die Theologie entschieden hatte. 1974 begann die gebürtige Stuttgarterin ihr Studium im Tübinger Stift und gehörte damit zur ersten Generation weiblicher Studenten dort. Es war die hochpolitische Zeit der neuen Frauenbewegung, in der sie aktiv war. Schon während des Studiums hat Mayer immer wieder den Kontakt zur 'Welt' gesucht, hat im Krankenhaus und in der Bäckerei gearbeitet. In ihrer Berliner Vikariatszeit war Ausländerarbeit ihr Schwerpunkt.
1997 bewarb Gunhild Mayer sich für die Pfarrstelle in Grünbühl. 'Hier gibt es nicht die klassische Kirchengebundenheit einer bildungsbürgerlichen Schicht. Hier gibt es Menschen vieler verschiedener Kulturen und Religionen, die sich oft zunächst in jeder Hinsicht fremd fühlen', weiß Mayer. Mit dem Kirchenbistro, mit kulturellen Angeboten wie Konzerten sowie den üblichen kirchlichen Angeboten kann sie nur einen kleinen Teil der Einwohner erreichen. Dafür aber seien die Menschen hier direkt und ungekünstelt, fragten nicht nach Stand und Titel, und so komme sie mit ihnen ins Gespräch beim Einkaufen oder bei Vereinsfesten. Sie besucht sie auch in ihren Wohnungen, erfährt von ihren Problemen und versucht, Tipps und Ermutigung zu geben. Im Projekt 'Fuß fassen' finden Aussiedler, vor allem Russlanddeutsche, im Gemeindezentrum der Martinskirche Hilfe zur Integration. Eine Brücke ist auch die Musik. Immer wieder möchten Kinder und Jugendliche 'so Gitarre spielen', wie es die Pfarrerin bei Festen oder im Konfirmationsunterricht macht, und sie nehmen bei ihr Unterricht. Sie selbst lerne viel, begeistert sich die Pfarrerin für ihre Arbeit. Durch den Zwang, sich einfach und gut verständlich auszudrücken, komme sie um so schneller zum Wesentlichen. Astrid Killinger




Die Online-Publikation dieses Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Ludwigsburger Kreiszeitung



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